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Das Finnische Schulsystem

Besuchte Schulen

• Laajavuoren koulo in Vantaa, Grundschule
• Hevoshaan, Vantaa, Grundstufe der Gesamtschulen

• Schulzentrum Kuruntie, Halikko, Kindertagesstätte, Grundschule, Gesamtschule, gymnasiale Oberstufe, Volkshochschule
• Martinslaakson yläaste und lukio, Oberstufe der Gesamtschule und gymnasiale Oberstufe

• Deutsche Schule, Helsinki

• Aritneneum, Museum in Helsinki

Leitaspekte der Bildung und Erziehung in Finnland

Die ideelle Basis finnischer Bildungspolitik bilden das Grundrecht jedes Einzelnen auf Bildung und die zu gewährleistende Chancengleichheit in der Bildung. Jeder rechtmäßig In Finnland lebende Mensch – nicht nur der finnische Staatsbürger – hat ein Recht auf kostenlose „Grundbildung“, was die Schulpflicht bis Ende Klasse 9 einschließt, unabhängig vom Alter, vom Wohnort, von der finanziellen Situation, vom Geschlecht oder der Muttersprache.
Bildung soll jeden Menschen zur aktiven und verantwortungsvollen Teilhabe an der Gesellschaft in allen Bereichen führen, ihm helfen, die notwendigen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten für ein erfolgreiches Berufsleben entsprechend seiner Voraussetzungen zu erwerben, und dazu beitragen, persönliche Neigungen, Interessen und Talente für eine möglichst vielseitige und ausgewogene Persönlichkeitsentfaltung zu entwickeln.
Kinder mit erheblicheren Lernschwierigkeiten haben eine Schulpflicht von 11 Jahren, weshalb sie in der Regel schon mit 5 Jahren eingeschult werden, um ihnen eine frühzeitige intensive Förderung und das Abschließen der Schulpflicht mit ihren Altersgenossen zu ermöglichen. Auch die weiterführende Schulbildung (Oberstufenschulen und Hochschulen bzw. Berufsfachschulen) steht allen offen, ist grundsätzlich kostenlos oder berechtigt Schüler und Studenten zu staatlicher Unterstützung. Die Kommunen sind verpflichtet, ihren Bürgern entsprechende Einrichtungen zu Verfügung zu stellen. Schuleinrichtungen bis zu Klasse 9 werden grundsätzlich wohnortnah angeboten, der Schulbustransport ist kostenlos.
Oberstufenschulen, Berufsfachschulen und Universitäten stehen landesweit zur Wahl. Für ihren Besuch muss eine Aufnahmeprüfung abgelegt werden, auch hier gibt es zumindest finanzielle Unterstützung für den Schulbus oder andere öffentliche Transportmittel.
Das Kultusministerium fördert sehr stark die Entwicklung der schulischen Einrichtungen und Angebote in den einwohner- und strukturschwachen Gebieten im Norden und Nordosten Finnlands, um auch hier möglichst Chancengleichheit zu erreichen. Alle Lehr- und Lernmittel sowie Unterrichtsmaterial (Bleistifte, Hefte, Geodreieck und Taschenrechner ...) sind für alle Schüler kostenlos!.
Es gibt in Finnland nur ganz wenige Privatschulen (z.B. Rudolf-Steiner-Schulen) und Internate wurden bewusst abgeschafft. Sie sind auch nicht nötig, denn der Anspruch auf wohnortnahe schulische Einrichtungen ist überall im Land zu realisieren, regionale Unterschiede sollen abgebaut werden. Privatschulen müssen den Lehrplan erfüllen und dürfen kein Schulgeld erheben.
Auch Nachhilfeinstitute gibt es in Finnland nicht. Eine solche Idee widerspricht dem Bildungsauftrag der Schulen, die Bedürfnisse jedes Einzelnen zu berücksichtigen und ihn mit entsprechenden Fördermaßnahmen zu unterstützen. Die sprachlichen Minderheitengruppen in Finnland (Schweden, Lappen/Sami) haben ein Grundrecht auf Unterricht in ihrer Muttersprache neben Finnisch, in Lappland sogar „Grundschulbildung“ (bis Klasse 9) überwiegend in ihrer Muttersprache, wenn die Erziehungsberechtigten es wünschen. An vielen Schulen gibt es bilinguale Unterrichtsangebote.
Rainer Domisch, Mitarbeiter des Opetushallitus, finnische Schulbehörde, fasst die grundlegenden und die aktuell Bildungsziele Finnlands zusammen: “Wir sind ein kleines Volk und in der immer komplexer werdenden Informations- und Wissensgesellschaft können wir es uns nicht leisten, auch nur einen Einzigen in der Bildung durchs Netz fallen zu lassen. Wir müssen jeden soweit mitnehmen, wie es nur irgend geht und ihm dazu die Hilfen geben, die er braucht.“
Dies Ziele sind uns überall lebensnah und praxisnah begegnet während unserem Besuch.

Gesamtschulkonzeption

1974 haben die Finnen das dreigliedrige Schulsystem abgeschafft und die von Klasse 1 – 9 reichende Gesamtschule eingeführt, an die sich das dreijährige Gymnasium oder die ebenfalls dreijährige Berufsschule anschließen. Herr Rainer Domisch vom Opetushallitus, Zentralamt für Unterrichtswesen, macht diese Änderung für das positive Abschneiden Finnlands bei PISA in erster Linie verantwortlich. Das Gesamtschulsystem, so wie es in Finnland praktiziert werde, sei der Garant für den hohen Bildungsstand der Finnen insgesamt. Er weist darauf hin, dass Finnland zwar augenblicklich eine beträchtliche Arbeitslosigkeit zu verzeichnen habe, dass es aber infolge der guten Schulbildung der Jugendlichen so gut wie keine Jugendarbeitslosigkeit gebe.
In Finnland gibt es etwa 750 000 Schülerinnen und Schüler. Davon besuchen ca. 600000 Schüler die Gesamtschule in der Klasse 1 bis 9 und 150 000 Schülerinnen und Schüler die gymnasialen Oberstufe mit den Klassen 10 bis 12.

Schulgröße

In Finnland gibt es nur 3% Schulen, die mehr als 500 Schüler haben. D.h., dass selbst im Großraum Helsinki fast alle Schulen etwa um 400 Schüler haben. Im ländlichen Bereich, vor allem im dünn besiedelten Norden, sind die Schulen ohnehin viel kleiner. Bis Klasse 9 ist der Schulweg für die Kinder kostenlos. In ländlichen Räumen werden zur individuellen Schülerbeförderung auch Taxis eingesetzt.

Schulträgerschaft

Die Schulträgerschaft liegt bei der Kommune. Diese ist zuständig für Schulbau, Instandhaltungen, sächliche Ausstattung und Bezahlung der Lehrer und das nichtpädagogischen Personals. Ebenso obliegt der Kommune die Einstellung des Schulleiters (nach Bewerbung). Der Schulleiter seinerseits ist in Absprache mit der Kommune Hauptverantwortlich für die Einstellung der Lehrer.

Schulaufsicht

Es gibt in Finnland keine Schulaufsicht mehr. Diese Ebene wurde abgeschafft. Die Lehrer werden weder benotet noch beurteilt. An ihre Stelle treten die Schulleitungen, die kommunalen Schuldezernenten, die Eltern und die Informationen der zentralen Evaluation. Jede Schule erhält einen Bericht über den Jahreserfolg im Vergleich mit den Zielen, daraus werden gemeinsame Maßnahmen zur Verbesserung abgeleitet.

Kindergarten und Vorschule

Der Vorschulbereich beginnt mit Kindertagesstätten ab dem ersten Lebensjahr. In der Regel sind die Kindertagesstätten wohnortnah. Sie ermöglichen beiden Elternteilen einer Ganztagesbeschäftigung nachzugehen. Auffällig in den Kindertagesstätten, die wir besuchten (in Vantaa und Halikko), war ihr neuer und attraktiver Zustand, ihre hervorragende Ausstattung und der hohe Personalschlüssel (drei reguläre Mitarbeiter auf 20 Kinder. Auch jede Kindertagesstätte hat ihre eigene Küche.
Meist integriert in die Kindertagesstätte ist die Vorschule, die sich etwa über vier Stunden erstreckt. Hier wird z.T. schon sehr eng mit der Schule zusammengearbeitet. Die Kinder werden spielerisch gefördert (Lesenlernen, Mathematik). 50% der Kinder lernen bereits in der Vorschule das Lesen. Selbstverständlich können die Kinder aber den ganzen Tag in der Kindertagesstätte verbringen, dann müssen die Eltern allerdings einen Eigenanteil bezahlen, während die Vorschule an sich kostenfrei ist.

Vorschulische Erziehung

98% der Kinder besuchen eine Vorschule, die sie im Alter von 6 Jahren für 1 Jahr betreut, der Besuch ist freiwillig. Die Lehrpläne der Vorschule geben lediglich Bereiche vor, z.B. soziales Verhalten, Phantasie, Mathematik, Kreativität, Motorik, kognitive Fähigkeiten etc. Der Fachunterricht beginnt erst in der Grundschule. Viele Kinder lernen in der Vorschule bereits lesen und können sich im Zahlenraum von 1 bis 20 bewegen.
Die Bedeutung der vorschulischen Erziehung wird als immer wichtiger beschrieben, da die Ansprüche der Gesellschaft an den Staat immer weiter steigen würden und die Zahl verhaltensauffälliger Kinder zunimmt. Die Finanzierung übernehmen Staat und Kommunen, insbesondere im Förderbereich werden zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt.

Unterrichtsorganisation

Das Kultusministerium und die ihr nachgeordnete Zentralbehörde für Unterrichtswesen legen die Rahmenlehrpläne (oder Kerncurricula) und die Stundentafeln für alle Fächer, Wahl- und Pflichtkurse auf allen Schulstufen fest. Dies ist der vorgegebene Rahmen, innerhalb dessen jede einzelne Schule den Unterricht organisieren muss. Hier haben die Schulen recht freie Gestaltungsmöglichkeiten – in Abstimmung auf den lokalen Lehrplan, den sie aus den Kerncurricula für sich entwickelt. In diesem lokalen Lehrplan spiegeln sich die Profilschwerpunkte und die schulspezifischen Unterrichtsangebote wieder (z.B. in den Fremdsprachen, bestimmte Projektklassen im Schulversuch, spezifische Förderangebote, Angebote im Wahlbereich zum Teil in Kooperation mit anderen Institutionen wie der Volkshochschule).
Generell wird die Elementarschule in Klassen eines Jahrgangs geführt. Das Klassenprinzip wird schon in der Mittelstufe „gelockert“, da ab der Klasse 7 Wahlfächer hinzukommen. Es gibt zwar noch „Stammgruppen“, die sich einmal in der Woche mit dem Klassenlehrer treffen um organisatorische und klasseninterne Angelegenheiten zu besprechen, die Schüler haben aber schon individueller zugeschnittene Stundenpläne und Kurse eigener Wahl. Ab Klasse 7 greift auch schon die kontinuierliche verpflichtende Beratung und Begleitung durch den Beratungslehrer mindestens einmal im Monat. Etwa 20-25 % der zu belegenden Kurse sind frei wählbar. Derzeit wird allerdings eine neue Stundentafel eingeführt, die auf eine größere Vereinheitlichung der Grundlagenbildung und damit auf weniger Wahlmöglichkeiten abzielt.
Diese Maßnahme erschien notwendig, da sich herausgestellt hat, dass vor allem Jungen im Wahlbereich Fächer wie Sport und Technik belegen – also Fächer, die weniger weitergehende und breiter angelegte Studien ermöglichen.
In der Oberstufe gilt dann das reine Kurssystem, einen Klassenverband gibt es nicht mehr. Die Oberstufenschüler haben bis zu 38 Wochenstunden. Das Schuljahr ist ab der Mittelstufe in 5 oder 6 Perioden eingeteilt. Für jede Periode wird ein neuer Stundenplan gemacht, der sich auf bestimmte Fächerangebote konzentriert. Jeder Oberstufenschüler „managt“ sein Kursprogramm pro Periode und Schuljahr in Eigenverantwortung und in Abstimmung mit Lehrern und Beratungslehrer selbst. Das Kursangebot von Gesamtschulen und „Lukios zeigen insgesamt einen ausgeprägten Schwerpunkt bei den Sprachen.
A1-Sprachen (meist Englisch) werden ab der 3.Klasse (mit 8 Wochenstunden!! bis Klasse 9) , A2-Sprachen ab der 5.Klasse (Schwedisch/Finnisch, Englisch oder Deutsch mit 8 Wochenstunden bis Klasse 9), B1-Sprachen ab der 7.Klasse (weitere, sprich 3. obligatorische Fremdsprache mit 6 Wochenstunden bis Klasse 9), weitere fakultative Fremdsprachen (als B2 und B3:Latein, Französisch, Russisch) ab Klasse 8 und Klasse 10 angeboten. Ein Schüler kann also bis zu fünf Fremdsprachen lernen.
Pro Periode wird eine A-Sprache fünfstündig belegt übers Jahr bedeutet das einen Schnitt von zwei Stunden in jeder Fremdsprache.
In Mathematik und den Fremdsprachen sind jeweils vier Kurse obligatorisch. Kurse können auch an Berufsfachschulen und Volkshochschulen (besonders Musik, Kunst, Handarbeit) belegt und für das Abitur anerkannt werden.
Die Koordination der individuellen Stundenpläne auf der Mittel- und Oberstufe gelingt mithilfe speziell entwickelter Software, die die Schulen einkaufen und nach ihren Bedürfnissen adaptieren. Da der Wahlbereich letztlich nicht so breit angelegt ist (bis zu 25%), Lehrer nur in einer Stufenschule unterrichten und strikt in Schienen gearbeitet wird (z.B. Kernfächer am Vormittag von 8:00 bis 14:00 Uhr, Fächer wie Sport, Kunst, Musik am Nachmittag), ist die Stundenplanarbeit zwar aufwändig, aber leistbar.
Das Abitur kann von den Schüler/innen nach zwei, drei oder vier Jahren abgelegt werden. Prüfungen können wiederholt werden, damit man die Noten verbessern kann.

Sonderförderung

In Finnland gibt es nahezu keine Sonderschulen (wenige Ausnahmen etwa für Gehörlose und geistig Behinderte). Schüler mit Lernschwierigkeiten, Teilleistungsstörungen (z.B. Dysphasien, LRS etc.) Verhaltensauffälligkeiten werden in den normalen Schulen gesondert oder durch Zusatzprogramme gefördert. Diese Förderung geschieht in Kleingruppen oder in Einzelförderung und zwar in unterschiedlichem zeitlichem Umfang – je nach Bedarf. Die sonderpädagogischen Maßnahmen finden statt nach Feststellung einer Indikation seitens der Lehrer oder eines Arztes/Psychologen (jährliche Untersuchung der Kinder!) und nach Zustimmung der Eltern. Die betroffenen Schüler erleben die Sonderbetreuung in der Regel als sehr positiv und als besondere Zuwendung. Sie werden zu den Sonderbetreuungsmaßnahmen aus dem Klassenverband herausgenommen, an dem sie ansonsten teilnehmen. In Einzelfällen gehen Sonderpädagogen mit ihren Schülern auch in den Fachunterricht und begleiten sie dort. Teilweise werden Schüler mit Defiziten oder Verhaltensauffälligkeiten in einzelnen Fächern zu Sonderklassen zusammengefasst und von Lehrern mit Spezialausbildung unterrichtet.
Hierzu passt, dass es in Finnland absolut keinen Markt für private Nachhilfe oder gewerbliche Nachhilfeinstitute gibt. Als eine für die Schulen sehr wichtige Person wird die an jeder Schule vorhandene Schulkrankenschwester beschrieben, deren Aufgabenbereich offensichtlich über die rein medizinische Betreuung hinausreicht.

Integration von Migranten

Alle ausländischen Schüler erhalten wöchentlich zwei Stunden Unterricht in ihrer Muttersprache. Untersuchungen in Finnland haben ergeben, dass die Zielsprache leichter gelernt werden kann, wenn die Kinder ihre Muttersprache beherrschen und pflegen und ihre Herkunftskultur gewürdigt sehen. Sie verfügen über Vorteile bei der Begriffsbildung, die ihnen beim Erlernen der Zielsprache zu Gute kommen. In der Zielsprache (Finnisch als Fremdsprache) erhalten sie verstärkten Unterricht im Vergleich zu ihren Mitschülern. Ebenso findet an der eigenen Schule Religionsunterricht in der jeweiligen Konfession statt. Für den muttersprachlichen Unterricht und für den Religionsunterricht werden entsprechende Lehrer – meist selbst Migranten mit pädagogischer Ausbildung in ihrem Heimatland – stundenweise beschäftigt. Diese sind dann meistens an verschiedenen Schulen tätig. Auffallend war für uns, Kleinste Gruppen (also Unterricht für 2 oder 4 Schüler) werden in Finnland selbstverständlich in Kauf genommen.

Sprachunterricht

Das Erlernen von Fremdsprachen spielt in Finnland eine große Rolle (Dominanz der Fremdsprachen vor den Naturwissenschaften). Da Finnland infolge des schwedischen Bevölkerungsanteils (6%) offiziell als zweisprachiges Land gilt, muss jeder entweder Schwedisch oder Finnisch als erste Fremdsprache erlernen. In der Regel schließen sich zwei weitere Fremdsprachen (Englisch, Deutsch oder Englisch, Französisch) an. Gerade Deutsch erfreut sich großer Beliebtheit nach Englisch. Beim Sprachunterricht insgesamt – aus sprachdidaktischen Gründen hochinteressant – steht der kommunikative Ansatz (Sprechen und Verstehen) im Vordergrund. Schreiben, Grammatik, Literaturunterricht folgen erst an zweiter Stelle. Der Anfängerunterricht erfolgt dementsprechend sehr alltagsorientiert auf kindgemäße und sehr anschauliche Weise (Arbeit mit Symbolen, Bildern, Gebrauchsgegenständen, verdeckten Kärtchen).
In höheren Klassen (8, 9) fällt uns die bereits vorhandene Sprechkompetenz der Schüler auf, für die insbesondere Englisch überhaupt kein Problem zu sein scheint. Die Finnen selber sind stolz darauf, das die Filme nicht synchronisiert sind und somit sowohl die Sprachkompetenz als auch die Lesekompetenz beim Fernsehen geschult wird. Der Ansatz, alle Schüler sehr früh mit ein bis zwei Fremdsprachen zu konfrontieren allerdings mit einem entsprechenden sprachdidaktischen Konzept war für uns tief beeindruckend und wirft ein neues Licht auf die Diskussion um das Grundschulenglisch.

Prüfungen und Prüfungsorganisation

Formale Abschlussprüfungen gibt es in Finnland nur am Ende der Oberstufe, an Berufsfachschulen und Hochschulen. Die Erfüllung der neunjährigen Pflichtschulzeit wird durch das Schuljahresendzeugnis der neunten Klasse zum Abschluss der Gesamtschule dokumentiert. Mit diesem Zeugnis bewerben sich die Schüler an Oberstufenschulen (lukios) ihrer Wahl oder an Berufsfachschulen. Oberstufenschulen können sich also ihre Schüler aufgrund ihrer Noten oder speziellen Eingangsprüfungen selbst aussuchen. Etwa 50% aller finnischen Schüler gehen auf die Oberstufenschulen nach der neunten Klasse weiter. Die Oberstufenschulen bilden eigenständige Profilschwerpunkte aus, entsprechend gestalten sie ihr Pflicht- und Wahlkursangebot.

Die Abiturprüfung wird nur schriftlich abgenommen. Im zentral gestellten Abitur müssen die Schüler Prüfungen in der Muttersprache/Literatur, in der ersten und zweiten Fremdsprache und in einem Realienfach (Mathematik, Naturwissenschaften,
Geschichte, Erdkunde, Religion) ablegen. Alle Schüler bekommen alle Aufgaben, sie müssen sich erst in der Prüfung nach Sichtung der Aufgaben für das Realienfach entscheiden. Der Prüfungszeitraum für das Abitur bewegt sich zwischen 2 und 4 Jahren, Prüfungen finden jeweils im Frühjahr und im Herbst statt. Man kann also das Abitur nach der 11. Klasse oder nach einer (fiktiven) 13. Klasse abschließen.
Um zum Abitur antreten zu können, muss man 75 Kurse aus Pflicht und Wahlfächern erfolgreich absolviert haben. Individuell zugeschnittene Studienpläne ermöglichen den Schülern ein individuelles Lerntempo und eigene Schwerpunkte bis zum Abitur. Die Abiturprüfungen werden zentral gestellt, zunächst vom Fachlehrer (Erstkorrektor) bewertet und dann in der Zentralbehörde von sog. Zensoren nochmals korrigiert. Diese Zensoren (Referenten des Zentralamtes, Universitätsdozenten, aktive und pensionierte Lehrer) legen die Endnote fest.
Landesweit anlaufende Projekte zur Intensivierung des Fremdsprachenlernens propagieren derzeit die Einführung mündlicher Prüfungen in den Fremdsprachen im Abitur und den zusätzlichen Erwerb von international anerkannten Fremdsprachendiplome. Entsprechende Schulversuche werden an den beteiligten Schulen durchgeführt.
Das Abitur beinhaltet keinen Rechtsanspruch auf einen Studienplatz, sondern ist lediglich ein „Nachweis höherer Schulbildung, der zum Zugang zu Hochschulen berechtigt“. Abiturienten bewerben sich mit ihrem Abiturzeugnis bei den Universitäten und Fachhochschulen direkt und müssen noch z.T. sehr schwierige Eingangsprüfungen absolvieren. Das Abiturergebnis wird dabei nach bestimmten Modalitäten eingerechnet.
Schulinterne Prüfungen werden an den Schulen in allen Fächern jeweils am Ende einer Periode in der Prüfungswoche zur schriftlichen Leistungsmessung durchgeführt. In dieser Woche findet sonst kein Unterricht statt. Prüfungen während einer Periode beschränken sich auf mündliche oder praktische Leistungsfeststellungen.
In den Klassen 1 bis 4 oder auch 5 werden in der Regel verbale Beurteilungen vergeben, später dann reguläre Noten erteilt. Ein Kurs muss in der Regel wiederholt werden, wenn nur die Note 4 erreicht wurde. Sitzenbleiben im Sinne der Wiederholung eines ganzen Schuljahres gibt es in Finnland nicht.

Ausstattung

Die Ausstattung der finnischen Schulen – wie wohl es natürlich Unterschiede von Schule zu Schule gibt – ist auf einem sehr hohen Niveau. Jedes Klassenzimmer – egal in welcher Schule, egal in welcher Altersstufe – verfügt über einen PC. In jedem Klassenzimmer sahen wir fest an der Decke installiert einen Fernsehapparat mit Videogerät bzw. DVD-Laufwerk. Selbstverständlich ist der Overheadprojektor in jedem Klassenzimmer, an vielen Schulen heute schon ersetzt durch den Beamer.
Für alle Altersstufen existieren Computerräume, die es ganzen Klassen ermöglichen, am PC zu arbeiten. Von dieser Gelegenheit wird bereits in den ersten Jahrgangsstufen Gebrauch gemacht (wir konnten eine untere Klasse bei einem Training zur Erhöhung der Lesegeschwindigkeit – auf sehr spielerische Weise – beobachten). An den Decken auf den Fluren sind Monitore installiert, in denen stets aktuell wichtige Informationen bekannt gemacht wurden. Auf den meist breiten Fluren und in Aufenthaltsbereichen konnten wir großzügige Sitz- und Aufenthaltsgelegenheiten (z.T. gepolsterte Bänke und Sessel!) beobachten. Es gab frei zugängliche Internetarbeitsplätze (Internetcafe). In der Gesamtschule waren selbstverständlich Fachräume für Technik, Handarbeit und Kochen vorhanden.

Verpflegung

Jede Schule, ob sie als Gesamtschule für die Klassen 1-9 oder als Lukio-Schule (gymnasiale Oberstufe von Klasse 10-12) organisiert ist, besitzt eine Schulküche mit angrenzender Kantine. Die Schüler erhalten dort täglich kostenlos ein warmes Mittagessen. Die Mahlzeiten bestehen in der Regel aus Salat, Hauptgericht und Nachtisch. Bei den Getränken kann zwischen Milch und Wasser gewählt werden. Meist wird, wegen der großen Schülerzahl, in zwei oder drei „Schichten“ serviert; die ersten Schüler essen daher bereits um 11 Uhr. Die meisten Kinder und Jugendlichen, auch die der höheren Stufen, nehmen das Angebot eines warmen und unentgeltlichen Essens an.

Lehrerausbildung

Die Ausbildung der Lehrer und auch der Erzieherinnen des Kindergartens erfolgt ausschließlich an der Universität und zwar in Form eines Magisterstudienganges. Die pädagogischen Studiengänge haben je nach Abschluss eine unterschiedliche zeitliche Dauer und andere inhaltliche Schwerpunkte: Studium für Erzieherinnen, für sog. Klassenlehrer der Gesamtschule für die Klassen 1 – 6, für sog. Fachlehrer der Gesamtschule Klassen 7 – 9 oder Lehrer des Gymnasiums. Daneben gibt es Spezial- und Aufbaustudiengänge für die Lehrer, die an den Schulen die sonderpädagogischen Maßnahmen wahrnehmen oder für Schulleiter.
Die pädagogischen und sozialwissenschaftlichen Inhalte spielen in jedem Lehrerstudium von vornherein eine herausragende Rolle. Von 6 Studienbewerbern für das Lehramt wird von den Universitäten nur einer zugelassen. Hierfür entscheidend ist ein differenziertes Aufnahmeverfahren der Universität, das auch eine Form des Assessment-Centers einschließt. Darüber hinaus werden längst nicht alle Universitätsabsolventen tatsächlich in den Schuldienst übernommen.

Aufgaben von Schulleitern

Der Schulleiter trägt die Verantwortung für alle pädagogischen, ökonomischen, organisatorischen und verwaltungstechnischen Angelegenheiten einer Schule: z.B. Lehrereinstellung, Finanzplanung, Stundenplangestaltung, Klassengrößen, Außenkontakte, Absprachen mit Schuldezernenten der verantwortlichen Kommune etc.
Die erforderlichen finanziellen Mittel werden auf der Basis der Schülerzahlen der Schule in Form staatlicher Zuschüsse geregelt, die restlichen Mittel müssen von den verantwortlichen Kommunen aufgebracht werden. Es wurde ein staatliches Förderungsprogramm aufgestellt für die finanzschwachen Gemeinden, da die Kluft zwischen armen und reichen Kommunen immer größer wird.
Für jeden einzelnen Schüler gibt es einen Jahresbetrag an staatlichen Zuschüssen, wobei die Ausbildung von Förderschülern und Gesamtschülern mit höheren Beiträgen finanziert werden als beispielsweise Oberstufenschüler.
Sponsoring ist in Finnland kein Thema, da die vom Staat zur Verfügung gestellten Mittel völlig ausreichend sind.

Unterrichtsausfall

In Finnland gibt es keinen Unterrichtsausfall. Krankheiten und die zahlreichen sich auf Fortbildung befindlichen Lehrer werden durch eingekaufte Vertretungen ersetzt. Jede Schule hat eine Liste mit potentiellen Vertretungslehrern (meist Lehrer, die nicht in den Schuldienst fest übernommen wurden oder nicht voll berufstätige Hausfrauen),
die dann stundenweise bezahlt werden. Da diese meist in mehreren Schulen gleichzeitig zum Einsatz kommen, haben sie in vielen Fällen eine durchaus solide Dauerbeschäftigung.

Personalfragen

In finnischen Schulen sind wir einem breiteren Spektrum an Berufsbildern begegnet, als es in Deutschland üblich ist. Neben den Schulleitern, Sonderpädagogen (Lehrern mit einer eineinhalbjährigen Zusatzausbildung), regulären Klassenlehrern (Elementarstufe:Kl.1-6) und Fachlehrern (Mittelstufe:Kl.7-9 / Oberstufe:Kl.10-12) gehören zu einem finnischen Kollegium sehr häufig Stundenlehrer und Schulassistenten.

Stundenlehrer haben keine Planstelle an einer Schule, sondern sind oft an mehreren Schulen eingesetzt und werden nur für die Stunden bezahlt, die sie auch tatsächlich halten. Bei engem Budget sind diese Stundenlehrer eine kostengünstigere Möglichkeit für den Schulleiter, die Stundenkontingente abzudecken. Stundenlehrer gibt es in allen Fächerbereichen, besonders häufig jedoch im Sprach- und Religionsunterricht für Migrantenkinder. Stundenlehrer sind häufig auch Frauen mit einer Lehrerausbildung, die wegen einer Kinderpause nicht den vollen Umfang des für ihre Ausbildung/ihre Fächer vorgesehenen Minimaldeputats leisten können oder wollen. Die meisten Stundenlehrer haben eine pädagogische Ausbildung; sie ist aber nicht immer Voraussetzung.

Darüber hinaus verfügen die Schulen über Schulassistenten. Eine Schule mit ca. 400 Schülern verfügt über 4 bis 5 Schulassistenten. Sie haben zumeist eine Ausbildung in Sozialpädagogik durchlaufen, aber kein Lehramtsstudium absolviert. Sie können von den Lehrern für die Mithilfe in ihrem Unterricht angefordert werden. Der Einsatz von Schulassistenten macht innerhalb des Unterrichts eine Binnendifferenzierung möglich. Sie widmen sich in den Klassen intensiv schwächeren oder verhaltensauffälligen Schülern, leisten ihnen individuelle Hilfestellung beim Arbeiten, führen verhaltenstherapeutische Maßnahmen durch und unterstützen den Klassen- oder Fachlehrer bei Disziplinschwierigkeiten.

An allen Schulen gibt es zudem einen hauptamtlichen Beratungslehrer (counsellor) bzw., der nach einem regulären Lehramtsstudium und oft einigen Jahren Praxis eine eineinhalbjährige Zusatzausbildung absolviert hat. Er hat ein eigenes Büro an der Schule, in dem ihn alle Schüler mindestens einmal im Monat aufsuchen müssen. Der Beratungslehrer stimmt mit jedem Schüler seinen individuellen Lehrplan mit Pflicht- und Wahlkursen von Periode zu Periode im Schuljahr ab und leistet dabei intensive Lernberatung, aber auch im allgemeineren Sinne Beratung bei der Studien- und Berufswahl. Der Beratungslehrer ist auch ein wichtiges Mitglied im Team zur Diagnose von Lernproblemen und zur Festlegung geeigneter Fördermaßnahmen. Er berät zudem ausländische Gastschüler bei der Kurswahl.
Da die Zusammenstellung der individuellen Kursmenüs der Schüler zu den zentralen
Aufgaben des Beratungslehrers gehören, ist er auch in die Stundenplanarbeit der Schule einbezogen.

Die „regulären“ Lehrerkollegen für eine Planstelle werden vom Schulleiter eingestellt. Er führt die Vorstellungsgespräche und trifft letztendlich auch die Entscheidung, obwohl es üblich ist, Kollegen vom Fach zu den Vorstellungsgesprächen hinzuzuziehen. Lehrer bewerben sich direkt an den Schulen, an denen sie gerne eine Planstelle bekommen würden. Probezeiten zwischen zwei Monaten und einem Jahr sind üblich. Wenn ein Lehrer eine Planstelle bekommen hat, hat er praktisch denselben Status wie ein Beamter auf Lebenszeit auch: Außer bei schwerem Fehlverhalten ist er unkündbar. Das gilt selbstverständlich auch für den Schulleiter.

Schulleiter durchlaufen eine recht harte zweijährige Zusatzausbildung (mit schuljahrbegleitenden Fortbildungstagen und Studienwochen in den Ferien), in der Management, Finanzen, Mitarbeiterführung, Recht und Schulentwicklung eine große Rolle spielen. Von Schulleitern wird ständige und intensive Weiterbildung in Eigeninitiative gefordert. Überhaupt werden in Finnland Schulen sehr nach unternehmerischen Prinzipien geführt.
Das Deputat von Lehrern ist abhängig von der Schulart und den Fächern, die sie unterrichten. So umfasst das Pflichtdeputat eines Geschichtslehrers 21 Stunden, eines Deutschlehrers 18, eines Muttersprachenlehrers 17 Stunden (Minimum). Grundschullehrer (Klassen 1-6, die sog. „Klassenlehrer“, die nahezu alle Fächer in ihren Klassen unterrichten) geben 24 Stunden, Sportlehrer 23 Stunden.
Der Schulleiter stellt in alleiniger Verantwortung die Lehrer ein; er selbst wird wiederum in alleiniger Verantwortung vom Vorsitzenden des Bildungsausschusses der einzelnen Kommune eingestellt.

Schließlich gehören zum pädagogischen Personal einer finnischen Schule auch Vertretungslehrer. Wenn Lehrer krank werden, springen sie an der Schule ein.
Unterrichtsausfall gibt es an finnischen Schulen nicht, da die Kinder ja in der Regel
nicht einfach nach Hause geschickt werden können und die Betreuung in den Kindertagesstätten an feste Zeiten gebunden ist. Jede Kommune legt Listen von Vertretungslehrern für ihren Zuständigkeitsbereich an, die von den Schulen im Bedarfsfall „abtelefoniert“ werden können. Vertretungslehrer sind in der Regel pensionierte Lehrer oder Hausfrauen mit Lehrerausbildung, die derzeit ihren Beruf nicht voll ausüben oder auch Stundenlehrer mit „freien Kapazitäten“. Langfristige Vertretungen sind innerhalb dieser Organisationsstrukturen weniger ein Problem als bei uns. Schwieriger sind da schon kurzfristige Erkrankungen von Lehrern, da manchmal Vertretungslehrer nicht gleich verfügbar oder anderweitig eingesetzt sind. Dann müssen die Schulen intern und improvisiert die Vertretung „schultern“ (Parallellehrer übernehmen den Unterricht mit, Schulassistenten betreuen Stillarbeit etc.).

Neben den pädagogischen Kräften haben finnische Schulen noch eine ganze Reihe von weiteren Mitarbeitern, deren Dienste von der Kommune oder über die Kommune eingekauft werden. Jede Schule verfügt über eine Schulschwester und ein Krankenzimmer. Kranke Kinder oder Kinder, die sich aus seelischen Gründen nicht wohl fühlen, werden von der Schulschwester im Krankenzimmer behandelt und können dort notfalls ganztags betreut werden. Die Schulschwestern sind oft der „gute Geist“ an den Schulen und für sehr viele Schüler der eine der wichtigsten Ansprechpartner bei allen Lebensproblemen. Schulschwestern leisten so auch eine medizinische Grundversorgung, die bei vielen Schülern aus sozial schwachen Familien sonst unterbliebe.

Ansehen der Lehrer in der Gesellschaft

Die Lehrer haben in Finnland noch ein sehr hohes Ansehen. Von den Eltern werden sie sehr geachtet und in ihrer Professionalität respektiert. Reklamationen und Interventionen seitens der Eltern sind äußerst selten. Auch das Verhältnis der Schüler zu den Lehrern macht einen entspannten, von gegenseitiger Achtung geprägten Eindruck. Verwüstungen, Spuren von Vandalismus, waren nirgends zu beobachten.

Philosophie

Beeindruckend war das hohe Engagement der finnischen Lehrer, die ihren Beruf mit hohem zeitlichem Aufwand und mit viel Kreativität und in der Regel im Team wahrnehmen. Generell stehen die Türen der finnischen Lehrer – meist im wörtlichen Sinne – während ihres Unterrichts offen. Da es außer der Gesamtschule keine Schule gibt, kann man sich von schwachen Schülern nicht trennen, sondern muss sie fördern. Die Chancengleichheit und der Anspruch auf ein allgemein hohes Bildungsniveau aller Finnen ist damit in der Praxis in vorbildlicher Weise eingelöst.

Finnische Philosophie spiegelt sich wider in folgenden Leitsätzen:

• Kinder stärken, sie in der Selbsteinschätzung unterstützen
• Lehrer sind für Schüler da nicht Kinder für Lehrer
• Wissen welches Problem ein Kind hat, nicht welches Problem ein Kind macht
• Beurteilen, was Kinder können, nicht was sie nicht können